K1600_Sophie Vincze, Landschaft, Öl auf Leinwand

1.Kinder- und Jugendtriennale des BLK

Zur Eröffnung der 1. Kinder- und Jugend-Triennale des Burgenlandkreises im Kunstverein BRAND-SANIERUNG e.V.

Die BRAND-SANIERUNG trägt nicht von ungefähr diesen Namen, denn sie hat genug Erfahrungen mit Bränden gemacht – sichtbaren Bränden in der alten Schuhfabrik hintenan und jeder Menge unsichtbarer Brände, die mit Hilfe von mutigen und engagierten Menschen, Stadtparlamentariern oder  Förderern, wie der der WVW, den Stadtwerken oder der Sparkasse vorerst saniert werden konnten, damit es hier weitergehen kann. Kein schöneres Wortparadoxon ist uns damals vor 16 Jahren eingefallen, als hier die erste Kunstausstellung eingezogen war, das ausgebrannte leergewohnte Haus mittels Kunst saniert wurde.

Von Anfang an waren es nicht nur die arrivierten Künstler, die hier ausgestellt haben, sondern immer auch junge Künstler, die noch nicht in der großen Kunst angekommen waren. Die erste Schülerausstellung zeigte originelle Stuhlobjekte und große Pappmachèfiguren von Schülern der Landesschule Pforta und des Goethegymnasiums. Jungen Talenten eine Plattform zu geben, lag uns von Anfang an am Herzen, als wir 2009 den Verein gründeten und ist ein wichtiger programmatischer Punkt geworden.

2016 und 2017 gelang es uns dann erstmals unter der Schirmherrschaft der Sparkasse Burgenlandkreis, jeweils eine Schule aus unserer Stadt einzuladen, um hervorragende Schülerarbeiten zu zeigen. Die besten 20 Arbeiten wurden von einer Jury ausgewählt und prämiert. Im aktuellen Almanach der BRAND-SANIERUNG sind die Preisträger nachzulesen und dieses oder jenes Bild noch einmal zu bestaunen.

Warum sollte das, was sich für eine einzelne Schule hier so gut bewährt hat nicht auch für alle Schulen im Landkreis möglich sein? Warum keine Kinder- und Jugend-Triennale nach dem großem Vorbild der wichtigsten Kunstausstellung in Sachsen-Anhalt Süd?

Dank des Zuspruchs  durch unseren Landrat und der Förderung durch den Burgenlandkreis ist es uns nun gelungen, die 1. Kinder- und Jugendausstellung hier zu eröffnen. 34 Schulen des Landkreises wurden angeschrieben, und ich war sehr überrascht, dass  16 Schulen die Einladung ernst genommen  und jeweils 20- 30 Arbeiten ihrer Schützlinge eingereicht haben. Wissen wir doch alle, dass Kunsterzieher Mangelware sind, die Lehrer erschöpft und sich das Papier auf den Schreibtischen der Schulleiter geduldig stapelt oder die E-Mail-Postfächer überquellen. Ein normales Menschengehirn kann all das kaum noch sichten und verantwortungsvoll bearbeiten. Umso erstaunlicher also, dass Kunstlehrer reagiert haben. Dafür gilt Ihnen allen ein großes Dankeschön!

Leicht ist es der fünfköpfigen Jury aus Künstlern und Kunsterziehern nicht gefallen, von ca. 400 Arbeiten die besten 180 auszuwählen, und noch schwerer ist es gewesen, die besten 20 zu prämieren. Sicherlich wird dieser oder jener auch enttäuscht sein, dass seine Arbeit nicht dabei ist und fragt sich, nach welchen Kriterien die Jury ausgewählt hat.

Lassen Sie mich deshalb noch einmal darauf verweisen, warum uns die Kunst so wichtig ist und wir nicht früh genug anfangen können, auf eine ästhetische Bildung zu setzen.

Wir leben inzwischen in einer Welt, die in rasanten Schritten der totalen Abstraktion entgegensteuert, wo das Verhältnis zum Gegenüber und  zur eigenen Geschichte zunehmend gestört ist und es uns immer schwerer fällt, einen Sinn hinter den Dingen dieser Welt zu finden. Deshalb scheint es dringender denn je, das Ruder herumzureißen und eine differenzierte Wahrnehmung herauszubilden.  An der Kunst lässt sich die gesamte Geistesgeschichte einer Epoche festmachen und nirgends  kann man den Menschen in seiner Sinngebung deutlicher erkennen als an der Kunst.

Ein Bild ist immer ein ganzer Kosmos! Es spricht eine Sprache, die jeder verstehen kann, wenn er bereit ist, sich darauf einzulassen und einen „Vorschuss an Sympathie“ dafür mitbringt.                    Und dafür hat sich auch die Jury entschieden. Nicht die didaktische Übung und das Experimentieren, die natürlich auch dazugehören,  sondern das Bild in seiner Natürlichkeit und Ganzheit waren für uns ausschlaggebend. Arbeiten zu zeigen, in denen die eigene Anschauungskraft zum Tragen kommt, die Schüler IHRE Formensprache entwickeln konnten und das Recht auf einen eigenen Ausdruck geltend gemacht haben war, unser Ansinnen.

Dass sich sehr viele Schüler auf ihre eigene Ausdruckskraft besinnen können und ihnen hervorragende Arbeiten gelungen sind, zeigt diese wunderbare Ausstellung. Sehr beeindruckt hat mich persönlich der Klassensatz mehrfarbiger Farblinolschnitte der Klasse 10a der Sekundarschule Bad Bibra. Die Schüler haben sich seit der 7. Klasse mit Porträts verschiedener Epochen und mit Linolschnitt beschäftigt. Das ist außergewöhnlich. Umso erstaunlicher, dass diese tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema und mit der Technik in solchen gelungenen beachtlichen Arbeiten gefruchtet hat.                                                                                                                                Einzigartig sind auch die Kaltnadelradierungen, die Frau Trummer im Lebek-Zentrum Zeitz mit Schülern der Pestalozzischule, einer Sonderschule, erarbeitet hat, und an denen die Auseinandersetzung mit der höfischen Geschichte von Zeitz deutlich wird. 

Dass gerade Jungen nicht nur eine Affinität zum Werkzeug haben, sondern auch sehr sensibel mit Grauwerten arbeiten können, beweisen die kompositorisch gelungenen Werkzeugstillleben der Gymnasiasten vom Agricolagymnasium aus Hohenmölsen.

Eine schöne Poesie und Kraft entwickelten Sechsklässler der Freien Schule Jan-Hus aus Naumburg in ihren großformatigen Kratztechniken.

Die Schüler des Goethegymnasiums beeindrucken immer wieder im Umgang mit Pastellstift, wie an den Porträts und Tierbildern in Ölpastell zu sehen ist.

Auch in der Handhabung mit Kohle sind zwei junge Meisterinnen in der Ausstellung zu finden – Laura Franke vom Domgymnasium Naumburg, die gleich mit drei Arbeiten vertreten ist und Helena Richter vom Burgenlandgymnasium Laucha.

Die Neustadtschule , die im vergangenen Jahr hier zu Gast war , überzeugt immer wieder mit Federzeichnungen, so auch diesmal mit den entzückenden Katzen und Eulen und Illustrationen zu „Die Borger“.

Die Vielfalt der Techniken und die Breite der Themen, die Beteiligung der unterschiedlichen Altersgruppen aus verschiedenen Schulen macht die Schau einzigartig und interessant. Dabei unterscheidet die Kunst nicht zwischen Gymnasium und Sekundarschule, sie verbindet Menschen aller Milieus und Herkünfte miteinander.

Zurück zur BRAND-SANIERUNG. Jean Cocteau stellte sich einmal die Frage: Was würdest du zuerst retten, wenn dein Haus in Flammen steht? Die Flammen natürlich, was sonst!

Möge die 1. Kinder- und Jugend Triennale zur Initialzündung werden und dem genius loci folgend im Burgenlandkreis zu lodern beginnen und sich noch mehr Schulen ansprechen lassen, den besten Talenten die Türen zu öffnen. Der Weg über die Schule ist dabei nicht bindend, aber eine Stütze. Es ist uns zu wünschen, dass  das Verhältnis zur Kunst in unserer Region gestärkt wird und die nächste „kleine“ Triennale  vielleicht in Zeitz, Naumburg oder Freyburg eine noch schöner und umfangreichere sein wird.

Lassen Sie mich kühnen Mutes zum Schluss  weitergreifen. Ein Grundstein für die junge Kunst ist nun gesetzt. Wir träumen weiter von einer Jugendkunstschule für den Burgenlandkreis und bleiben „tapfer und heiter in den Gefahren der Zeit“.           

Christina Simon

K1024_Christina 6920 Sonnengesang

Der Sonnengesang des Echnaton

Das Projekt

Der Sonnengesang des Echnaton aus dem antiken Ägypten

Eine Reise zu den geistigen Quellen der Menschheitsgeschichte und der abendländischen Kultur

Ein interdisziplinäres Projekt des Kunst- und Kulturprojektes BRAND-SANIERUNG e.V. mit Kunst, Wissenschaft, Archäologie und Musik

Die abendländische Welt ist gegenwärtig in Bewegung. Kulturen treffen zusammen, ringen um Verständigung und ein künftiges Miteinander. Das stellt uns vor große Herausforderungen, bietet aber auch Chancen zu Neuem aufzubrechen. Umbruchzeiten zwischen den Epochen sind immer wegweisend für einen neuen Zeitgeist gewesen. Durch die rasant voranschreitende komplex digitale Lebenssituation im urbanen Raum ist ein enormes Spannungsverhältnis zu den traditionellen Erklärungsmustern entstanden.

Unsere europäische Kunst und Kultur steht religions- und geistesgeschichtlich in der jüdisch-christlichen Tradition. Jedoch mit Aufkommen von Flüchtlingsströmen aus dem ehemaligen mesopotamischen Raum – Syrien, Afghanistan, Irak  – stellt sich die Frage nach den gemeinsamen Wurzeln neu.

Im altorientalischen Raum haben Generationen der Menschheit ein unwiederbringliches Kulturerbe hinterlassen. Das gilt es zu bewahren und immer wieder den Blick neu darauf auszurichten. So können neue Impulse in der heutigen Umbruchzeit Stabilität und tieferes Verstehen von Fundamentalem ermöglichen. Auch die Frage nach dem Dialog Mensch und Natur ist in einem weltweiten Kontext aktueller als je.

Einzigartig im Kanon der unzähligen ägyptischen Hymnen und Gebete ist der große Sonnengesang des Echnaton, der das Verhältnis zur Schöpfung neu besingt. Er verbirgt einen universalen Denkansatz, der sich in der Formensprache, den Welt- und Lebensbildern der Amarnazeit deutlich ausdrückt.

Es war nicht nur ein kühner Versuch, den Monotheismus auf brachiale Art und Weise vorwegzunehmen, sondern auch das Verhältnis des Menschen zur Natur und zueinander neu auszurichten.

Das Kunst- und Kulturprojekt BRAND-SANIERUNG e.V., das seit achtzehn Jahren in der Weißenfelser Neustadt, einem Stadtteil, in dem die meisten Migranten mit verschiedenen Religionen und Kulturen leben, beheimatet ist, hat Künstler verschiedener Genres eingeladen, sich diesem Thema zu stellen. Ihre bildkünstlerischen Arbeiten dazu werden in  den Räumen der BRAND-SANIERUNG zu sehen sein und mit den Quellen in Beziehung gesetzt. Dazu hat der Architekt und Archäologe Christian Tietze, der in den Jahren 1991-2007 mehr als 20 Ausgrabungskampagnen in Ägypten und Syrien geleitet hat die Amarnazeit anhand von Bilddokumenten, Stadt- und Tempelmodellen verdeutlicht.

Komplettiert wird diese Dokumentation durch ägyptische Totensandalen, ein Exponat aus dem Schuhmuseum Weißenfels, das eine der bedeutendsten völkerkundlichen Schuhsammlungen besitzt und die lange Schuhtradition unserer Stadt pflegt und lebendig hält.    

Durch die Vernetzung der verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen und Genres erhält das Thema eine semantische Verdichtung. Es gelingt so, den Bogen zur Gegenwart zu spannen und dem Hörer und Betrachter bewusst zu machen, dass Künstler und Kunst sich durch Jahrhunderte dafür verantwortlich zeichnen, zu fragen, wer wir selber sind und wodurch wir sind. 

Die Ausstellung wird mit einer Dokumentation in einem Katalog festgehalten.

Christina Simon

Treibgut. 2013

Mythos Wasser

Irmgard Sedler

Vernissage „Mythos Wasser“. Angelika Flaig, Weißenfels 1. April 2017

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Robby Risch, werte Frau Christina Simon, liebe Frau Angelika Flaig, meine sehr geehrten Damen und Herren,

wer beim Betrachten seiner Einladungskarte auch nur kurz beim „Mythos Wasser“, so der Titel der heute zu eröffnenden Ausstellung verweilt hat, kam hierher in der Erwartung emotionsstarker und symbolisch aufgeladener Bildwerke, die einen ohne Wenn und Aber gefangen nehmen.

Mehr noch: Im Wissen um die vielschichtige, beinahe erdrückende Symbolik des Lebensgrundelements WASSER, stellt sich so manch einem die Frage, wie sich wohl die Künstlerin Angelika Flaig, angesichts einer derart übermächtigen Symbolgeschichte, ihren künstlerischen Frei- und Behauptungsraum zu schaffen vermochte; dieses alles auf einem Schlachtfeld der Symbol-Kontroversen, inmitten eines die bildliche ‚Wasseroberfläche‘ überwuchernden kultur- und kunsthistorischen Gestrüpps, welches dazu noch überfangen ist von einer Erwartungsutopie im streckenweise sinnentleerten Gespinst künstlerischer Äußerungen in Vergangenheit und Gegenwart.

Nun, Angelika Flaigs Position artikuliert sich von der Warte einer künstlerischen Persönlichkeit aus, die Bildräume mit Wortwelten in konzeptuell inszenierender Reflexion zusammenführt.

Dabei schafft es Angelika Flaig, die kulturhistorischen und bildungslastigen Sedimente, die den Steindruck aus seiner geschichtlichen Entwicklung heraus als ursprünglich illustrative Technik in Verbindung zu literarischen Werken beschweren, erfolgreich zu umgehen. Dieses gelingt dadurch, dass ihr beide, Literatur und Kunst, zum existenziellen Erlebnis geworden sind. Beide treten ihr als die Autoritäten entgegentreten, welche das Sinnliche und Geistige im magischen Prozess der künstlerischen Schöpfung zu Sinnstiftendem verweben und verwandeln können.

Hierfür steht auch der biografische Werdegang dieser Künstlerin. Angelika Flaig, 1950 in Schramberg (im Schwarzwald) geboren, hatte an der Universität Stuttgart ein komplettes Literaturstudium absolviert, bevor sie überhaupt mit dem Studium der Malerei begann. Wen wundert es daher, wenn Angelika Flaig die literarischen Referenzen, die als Metaebene in ihren Werken stets präsent sind, als „Hommage“ – hier an den Dichter Immanuel Weissglas, einen Jahrgangsgefährten und Dichterfreund Paul Celans –, sogar im Ausstellungstitel transparent werden lässt.

Ich will anhand einer grundsätzlichen Dimension des Mythos Wasser, jenem des Wassers als Schöpfungselement, die vorher erwähnte Beziehung kurz ansprechen. Da ist auf der einen Seite das Gedicht „Mondquelle“. Diese dichterische Schöpfung ist eine einzige Beschwörungsformel, ein leitmotivisches Evozieren symbolträchtiger Grundelemente des Daseins – Mond, Sand, Feuer, Zeit – und immer wieder das Wasser, mal als Quelle, mal als Träne:

„ENTSPRINGE; NASSER

MOND IM GEMÄUER:

EINE QUELLE WASSER;

EINE QUELLE FEUER.

IM MOOS; IM SANDE;

UND FELSGEBOREN;

GEHT IHR IM LANDE;

MONDTROPFEN; VERLOREN.

DIE TAGE FLIESSEN;

IN TRÄNENFERNE;

UND NÄCHTE VERGIESSEN

DIE TRÄNENSTERNE.

DASS WANGENBLASSER

DEIN ANTLITZ MIR BLIEBE:

EIN SPRUCH WASSER;

EIN SPRUCH LIEBE.“

(Immanuel Weissglas, Der Nobiskrug 1972)

Dieses magische Ritual heraufbeschworener Verwandlung des Sinnlich-Erfahrbaren ins Geistig-Mystische empfindet Angelika Flaig „unlösbar verknotet“ mit dem eigenen Ritual der Kunstschöpfung, mit dem sinnlichen ‚Handanlegen‘ an den Druckstein, dem magischen Moment, in dem tätige Existenzvergewisserung über die Kunst zu Dauerhaftem gerinnt.

Bei Angelika Flaig verschmelzen in dem ihr zum Ritual gewordenen performativen Akt des Steindruckes Planung und Zufall, rationale Überlegung und emotionaler Zugriff zu einzigartigen Kunstgebilden. Es sind dies mehrfach übereinander gedruckte Steinmotive, die sich zu bedeutungsschweren Signaturen zusammenfügen, entzifferbar oder auch nicht, „um das Geheimnis der Schöpfung (hier Kunstschöpfung) zu bewahren“.

Die konzentrierten Titel lassen einen gedanklich an das verrätselte Bildgeschehen andocken: tiefbrunnengesänge“, „quellsuche, sumpf“, styx“, „gezeiten“, „treibgut“, „das lied der fische“ verweisen auf aquatisch durchdrungen Räume und Ereignisse, die ins Visier genommen wurden.

Es sind dies symbolisch vielschichtige Räume, an deren Oberfläche klar umrissene oder mehrfach überlagerte farbdunkle Flächen wirken. Diese sind wiederum von Liniendirektiven in abstrakte Ordnungen gebracht, eine geheimnisvolle Erzählung spinnend, um diese dann auch wieder abrupt abbrechen zu lassen oder sie auf anderen Blättern in Serie weiterzuführen. Denn Angelika Flaig arbeitet gerne in Serien, ein Ansatz, der ihr seit langem schon zum schöpferischen Prinzip geworden ist und bei dem sie das Spiel mit Planung und Zufall bis zur Neige auskosten kann. Eine geometrische Figur auf dem ersten Blatt, die einem die improvisiert wirkende Formfindung (Zufall) nahelegt, erhält plötzlich ein markantes Echo in den Folgeblättern der Serie (Planung) und wandelt sich letztlich zu einer in den Raum strahlenden geistigen Kraft.

Zwischen Flächenüberlagerungen und Linienstrudel platziert die Künstlerin hin und wieder Gegenständliches, etwa Körpersilhouetten oder aber bildnerische Fundstücke. Hier sind es Messer, die als Meta-Figurationen mit den anderen Bildelementen in Beziehung treten und – mal malerisch-poetisch mal in kantig expressiver Wucht – uns urgebärdenhaft suggestiv und emotional auf das Schutzsuchende, das Angreifende, das Verletzende, das Sich dem Tod Übergebende hinführen. Wobei der symbolisch-mythischen Bezug auf die Elemente Wasser und Zeit das Leitmotiv abgibt.

„IN GRUFTGEN KRÜGEN SCHÖPFTE ICH GEDULDEN,

UND HEGTE TROPFEN ZEIT IN ZEITLOS-MULDEN“, um mit Immanuel Weißglas zu sprechen.

K1024_Silvio inspiziert sein Land

Land am Wasser

Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube der DOK 2015 in Leipzig

LAND AM WASSER

Ein Film von Tom Lemke/ Musik von Falk Zenker

Silvio lebt in einem Geisterdorf. 1998 wurden die Bewohner umgesiedelt, damit die Braunkohle darunter abgebaut werden kann.

Vor über 900 Jahren nannten die ersten Siedler den Ort „Land am Wasser“, weil ein kleiner Bach durch die Landschaft fließt. Mit diesem Wasser bestellt Silvio kleine Agrarflächen im Dorf und tränkt sein Vieh. Seinen Heimatort, der nutzlos geworden war, hat er so als Landwirt wieder erobert. Wie lange er hier seinen Lebensunterhalt noch verdienen kann, ist ungewiss. Niemand weiß, wann die Tagebaubagger hier letztendlich ankommen werden. Allgegenwärtig ist das Geräusch des Förderbandes, das seit Jahrzehnten in wenigen Kilometer Entfernung ununterbrochen Kohle transportiert. Die Häuser des Dorfes werden zwar nach und nach abgerissen, aber Silvio ist nicht allein.  Sein Nachbar schmiedet im über hundertjährigen Familienbetrieb weiter gegen die Zeit und Norbert, vom ebenfalls betroffenen Nachbarort, rebelliert als Letzter eisern gegen die Umsiedlung. Manchmal kommen auch ehemalige Bewohner vorbei. Man hilft sich noch immer und nebenbei verschwindet eine ganze Dorfgemeinde. Als auch die letzten Mitbewohner den Ort verlassen haben, versucht Silvio, sich weiter gegen das Unvermeidliche zu stemmen. Wohl wissend, dass das Ende nicht aufzuhalten ist.

Dass der Film „Land am Wasser“ im Kunstprojekt BRAND-SANIERUNG gezeigt wurde, ist nicht von ungefähr. Das Haus in der Novalisstraße 13, einst Fabrikvilla der ehemaligen Schuhfabrik Straumer wäre längst der Verfallsgeschichte des Ostens anheimgefallen, wäre hier nicht vor über fünfzehn Jahren die Kunst eingezogen, die sich nach wie vor hartnäckig und mit einem erstaunlich langem Atem gegen vorherrschenden Meinungen und Verwaltungspolitik behauptet.

Der  Pressefotograf Peter Lisker hat die Umsiedlung des Ortes Grunau 1997 und 1998  für die Mitteldeutsche Zeitung  fotografisch dokumentiert. Mit über zwanzig Fotoarbeiten wurde  im Rahmen dazu eine Ausstellung  eröffnet, die die Fragen aus einer anderen Perspektive aufgriff und die Grundlagen für weiterführende Diskussionen bot.     

Hier einige Impressionen