Elisabeth – Landgräfin von Thüringen, Dienerin, Heilige
Birgit Schulz

Christina Simon ist eine Künstlerin, die sich in der Art, wie sie sich ihrem Bildgegenstand nähert, abhebt vom allgemeinen Kunstbetrieb:
Sieverpflichtet sich mit großem Ernst den Figuren, die sie darstellt. Sie setzt die Figuren nicht einfach in die Welt, sie holt uns mit hinein in ihre Bilder.
Sie entwickelt dafür eine Technik, die immer wieder ein Wagnis darstellt, da sie sich nicht bis in das letzte Detail kalkulieren lässt.
Sie widersetzt sich generell jeglichem Kalkül.
Ein Leben sinnvoll zu gestalten, scheint den Menschen zu jeder Zeit eine große Herausforderung zu sein. Moralisch rein zu leben ist darüber hinaus ein Anspruch, dem wir gegenwärtig nur mit immer größeren Schwierigkeiten und Widerständen gerecht werden können. Denn, was haben Globalisierung und Werteverfall, Krieg und Umweltzerstörung mit uns persönlich zu tun? All diese Probleme entziehen sich mit ihrer unüberschaubaren Größe und ihren komplizierten Verflechtungen unserer direkten Verantwortung. Wir nehmen sie wahr, können jedoch nicht angemessen darauf reagieren. Wir fühlen Mitleid und können es nicht in konkrete Handlungen kanalisieren.
In ähnlich unruhige Zeiten wurde 1207 die ungarische Königstochter Elisabeth und spätere Landgräfin von Thüringen hineingeboren. Doch während wir mühsam um Ideale ringen und nach Orientierung suchen, existierten im Mittelalter Körperschaften, Gemeinschaften von Gleichgesinnten, wie der Franziskanerorden oder die Beginen, die eine Idee einte: Der Dienst für Gott wurde als eine irdische Aufgabe begriffen. Und so verschrieb sich Elisabeth als Antwort auf das ausgehöhlte fürstlich- ritterliche Dasein konsequent dem Dienst an den Armen und verzichtete auf jegliche materielle Güter.
In der katholischen Kirchengemeinde St. Elisabeth in Budapest nimmt ein Ausstellungsreigen mit Bildern der Weißenfelser Künstlerin Christina Simon seinen Lauf, der die Lebensstationen der hl. Elisabeth nachzeichnet: Von Ungarn, dem Geburtsland, über Thüringen bis nach Marburg, ihre letzte Wirkungsstätte.

Mit einem dreiteiligen Zyklus von Linolschnitten wird der Heiligen anlässlich ihres 800. Geburtsjubiläums gedacht. Aber nicht nur Ehren und Erinnern sind Anliegen der Grafikerin, sondern, und das zeigen ganz deutlich die Bildgestaltungen sowie das gesamte Konzept der Ausstellung: Dem Wirken der hl. Elisabeth wird nachgesonnen, und im Nachsinnen soll die Möglichkeit eröffnet werden, dieses neu zu begreifen.
Christina Simon ebnet uns dazu den Weg in ihre Bilder. Mit Schönheit, erzählerischer Kraft, intensiven Farbklängen und feinsinnig verwobenen Linien wird unsere Aufmerksamkeit erregt, werden wir eingeladen, die einzelnen Blätter näher zu betrachten. So schreitet uns in den hochformatigen Arbeiten eine mal zartgewandete, mal andächtig in sich versunkene Elisabeth entgegen, eingebettet in Landschaften, Gärten, Hausfassaden. Hier übergroß als Landgräfin von Thüringen in einer märchenhaft anmutenden Silhouette der Wartburg, dort einsam zwischen dornigen Rosenhecken und da erhaben auf einer Wolke wildbewegter Spruchbänder schwebend. Wie in einer Art experimenteller Versuchsreihe wird das Wesen der Heiligen ergründet. Die Technik des Linolschnittes und dessen besondere Handhabung durch die Künstlerin unterstützen diesen Eindruck. Mit der Kombination einzelner Druckstöcke zu einem immer wieder neuen Gefüge, dem Ausloten verschiedenster Farbigkeiten entlockt sie der Persönlichkeit Elisabeths vielfältige Facetten, changierend zwischen zupackender Lebendigkeit und weltlicher Enthobenheit.
Stehen diese Bilder exemplarisch für sich und müssen im Einzelnen befragt werden, führen mehrere kleinere Arbeiten von Blatt zu Blatt und zeigen uns Elisabeth bei der Verrichtung der Werke der Barmherzigkeit: Der Speisung der Armen, der Verteilung von Almosen, der Fußwaschung eines Bettlers. Unfassbar scheint die Dimension der Taten, messen wir diese an unserer eigenen Bereitschaft Gutes zu tun. Welch eine Konsequenz, welch hohes Ideal.
Ein Wunder?
Christina Simon rückt uns nah heran an das Geschehen. Die Geschichten werden zügig erzählt, ein schneller Strich, ohne Verzicht jedoch auf Raumtiefe und symbolträchtige Farbgebung. Theater, Puppenspiel assoziieren die Szenen. Und wie Kinder im Spiel das Leben nachbilden, um es zu begreifen, dient die Methode der Künstlerin, sich dem Kern der Heiligen zu nähern. In ihren Handlungen finden wir uns wieder und müssen gleichzeitig deren höhere Wirklichkeit akzeptieren.
Walter Nigg, Historiker und Hagiograph, formuliert das so: „Die Wirklichkeit der Heiligen ist keine gewöhnliche Wirklichkeit, da sie von der profanen und zugleich von der höheren Realität erfüllt ist. Im Wort „zugleich“ steckt ein wesentliches Geheimnis.“
Ergründen, begreifen, dem Rätsel eine Form geben: Auch mit den prächtigen Stillleben, die den Zyklus der Arbeiten abrunden, werden wir hineingezogen in den bildgewordenen Denkprozess der Künstlerin. Hat sie sich in den figürlichen Darstellungen ganz der Person der Elisabeth hingegeben, sie sich einverleibt, mittelalterliche Bildvorlagen bemüht und interpretiert, hebt sie hier die Dinge des Alltags in eine andere Sinnebene. Das Schneiden der Gegenstände in das Linoleum erfordert dabei von der Grafikerin, ihre Objekte zu kennen, den Dingen genaustens auf den Grund zu gehen. Schließlich gibt es keine Korrektur. Dieser Vorgang verlangt Demut und Respekt.
Demut und Respekt, hierin können wir einander treffen: Elisabeth, die Künstlerin, der Betrachter und ich. Wenn ich am Beginn von der Sehnsucht sprach, ein guter Mensch zu sein, dann ist mir das Beispiel der Heiligen ein Hinweis, Moral als ein Prinzip der Nächstenliebe zu verstehen. Demut und Respekt als Kategorien der Nächstenliebe ergeben nur dann einen Sinn, wenn sie von mir ausgehen.
Die Idee, Kunst könnte die Welt verändern, erweist sich selten als tragfähig, aber Bilder können uns bewegen und berühren, unsere Gedanken beflügeln. Diese Kraft entdecke ich in den Arbeiten von Christina Simon. Ich empfinde sie als Begleiter, die sich Dank ihrer Schönheit und eindringlichen Bilderfindungen, in meinem Kopf verhaken und mich zum Dialog herausfordern.
Kunst lebt im Auge und in den Gedanken des Betrachters. Sie bedarf jedoch des Einen, der sie schafft. In diesem Sinne wünsche ich der Künstlerin Christina Simon Kraft und Ausdauer.

Quelle des Zitates: Walter Nigg, Die Heiligen kommen wieder, Verlag Herder KG Freiburg im Breisgau 1973, Seite 18